Zum Besuch im Atelier
Esther Stocker im Interview
Die Künstlerin Esther Stocker verwendet in ihrer Malerei ein optisch komplexes Repertoire aus geometrisierten Zeichen- und Rastersystemen, die durchwegs in den Farben schwarz-grau-weiß gehalten sind und die sie auf großformatige Bilder oder auch auf dreidimensionale, begehbare Bauten überträgt. Ein Beispiel findet sich auf den Gründen der ehemaligen Brauerei Liesing, wo die gebürtige Südtirolerin eine geschwungene Dachuntersicht aus Aquapanel® Cement Board gestaltet hat. Wir trafen Sie zu einem Interview in ihrem Atelier in Wien.
Wie sind Sie zum Bauobjekt Liesinger Brauerei gekommen? Gab es da einen Wettbewerb?
Meine ehemalige Professorin Eva Schlegel hat ein fünfköpfiges Team für dieses Projekt im 23. Bezirk zusammengestellt. Das Team bestand aus den Künstlern Eva Schlegel, Martin Walde, Marcus Geiger und Heimo Zobernig und meiner Person. Wir haben in weiterer Folge einen Vorschlag erarbeitet, der dann den Verantwortlichen präsentiert wurde. Eva Schlegel arbeitet beispielsweise an der Verspiegelung von Lichthöfen.
Kunst an der Peripherie Wiens. Was genau wollen Sie den Bewohnern der Liesinger Brauerei mit Ihrer Kunst mitgeben?
Ich finde es sehr interessant, wenn ein Ort eine eigene Identität erhält. Das wäre mein Wunsch, den ich durch meine formale Arbeit erreichen will. Dass der Ort wieder erkennbar wird und sein eigens Gesicht erhält. Mit dieser Art des zerlegten Rasters möchte ich zeigen wie die Freiheit innerhalb der Ordnung aussehen kann. Ich finde das Wechselspiel von individueller Form und allgemeiner Vorgabe faszinierend.
Kunst im öffentlichen Raum, ein Vorteil?
Ich finde es toll, dass die Kunst nun länger bestehen bleibt, einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich und nicht so abgeschirmt ist. Und in weiterer Folge ein Austausch darüber statt findet.
Sie haben auf einer Leichtzementplatte namens Aquapanel® Cement Board Outdoor gemalt? Haben Sie einen Unterschied zu anderen Materialien bemerkt?
Ich wusste ehrlich gesagt über das Material nicht Bescheid, ich nähere mich zuerst vom Inhalt an das Projekt und erst später stelle ich mir die Materialfrage. Ich finde es dennoch interessant.
Wie wurde die Bemalung der Untersicht technisch gelöst?
Ich habe hier mit einem Künstlerteam zusammengearbeitet. Ich habe einen Rasterplan entworfen mit gewissen Orientierungspunkten, die dann vor Ort mit Laser ausgemessen wurden. Es handelt sich um geometrische Teile in einem eigenen engen Spielraum, die trotzdem eine eigene Vielfalt erzeugen können. Ich habe oft gehört, dass dieses Projekt nicht zu realisieren sei, doch Eva Schlegel und der Architekt Johannes Kaufmann haben mich dabei sehr unterstützt. Und wie man sieht, hat es doch funktioniert.
Sie arbeiten sehr viel mit Rastern und geometrischen Formen, woher kommt diese Affinität?
Ich habe mit Porträts begonnen. Ich wollte immer ein Bild formal begrenzen. Ein Raster ist ja nichts anderes als die Wiederholung eines Bildes, sehen in Sequenzen sozusagen.
Geht es Ihnen um den eigentlichen Prozess des Betrachtens Ihrer Kunst?
Ja genau, es geht um den Prozess des Sehens. Um den Versuch das Sehen selber zu beobachten. Das Raster ist ein weit verbreitetes vielsagendes System. Es gibt so viele Strukturen und Systeme, die von einem Raster ausgehen. Interessant ist, in welchem Verhältnis das Ganze zu einzelnen Teilen steht. Da ich das Raster verwende, kann ich zeigen, wie eine Relation im Bild entsteht. Eine große Triebfeder ist meine Neugierde, dass ich bis zum letzten nicht verstehe, was dort genau passiert und dass einfache Verhältnisse nicht ganz klar zu verstehen sind.
Sie bevorzugen bei Ihrer Kunst die Farben schwarz-grau-weiß, warum?
"Ich denke eher formal und das Schwarz Weiß kommt mir da entgegen. Ich denke in Relationen, Kontrasten, Gleichheiten und Ungleichheiten und stelle mir die Arbeiten schon von Anfang an ohne Farbe vor. Der höchste Lichtkontrast schält sozusagen die Form heraus."
Was bedeutet Kunst für Sie persönlich?
Die Freiheit des Ausdrucks. Man kann Kunst nicht definieren. Im Rahmen der Kunst ist es möglich freie Bilder zu erzeugen. Innerhalb der Kunst ist es möglich ein intellektuelles Spiel zu führen, das mir gefällt. Es geht darum, einfach Ideen zu entwickeln.
Was möchten Sie mit Ihrer Kunst beim Betrachter erreichen?
Kein Ziel zu haben- im Sinne von Schranken, um einfach Offenheit zu gewährleisten. Das Aufzeigen des Verhältnisses von Ordnung und Unordnung und das Zusammenspiel unterschiedlichster Elemente zu spüren.
Wie sehen Sie Ihre Zukunft als Künstlerin in Wien?
Wien ist eine sehr gute Stadt für die Kunst, sie zeichnet sich durch eine große Vielseitigkeit aus. In Bezug zur Größe der Stadt ist sehr viel los, einfach ein guter Platz zum Arbeiten.
Biografie:
Geb. 1974 in Schlanders (I), 1994 - 1999 Studium an der Akademie der bildenden Künste Wien, Meisterschule Eva Schlegel. Studienaufenthalte in Mailand, Pasadena/Californien und zuletzt 2002/03 in Chicago. Esther Stocker, die vorwiegend als Malerin tätig ist, erhielt 2002 den Anton Faistauer Preis für Malerei des Landes Salzburg. Ihre Arbeiten wurden in Österreich, Italien, Deutschland und den USA ausgestellt.