Wiens neue Stadtbibliothek
Vor allem die Treppe unterstreicht die Einzigartigkeit des Gebäudes (Foto: Knauf/M. Stelzhammer)
Städtebauliches Juwel für den Gürtel
Das Projekt "Hauptbibliothek", das im Frühjahr 2003 eröffnet wird, verfolgt nicht nur bildungspolitische Ziele, sondern hängt auch mit Bemühungen der Stadterneuerung in der Gürtelzone zusammen.
Die Transformation des Gürtels von einer gemiedenen und vernachlässigten Zone zu einem Zentrum für Freizeit und Unterhaltung ist in den vergangenen Jahren erfolgreich eingeleitet worden. Die Kultur- und Beislmeile (wer kennt die Szenelokale wie Gürtelbräu, Chelsea, etc. noch nicht?) am Gürtel zieht Jugendliche aus der ganzen Stadt an. Zum "Konsumieren", "Flanieren", "Schauen" und "Sich Vergnügen" kommt nun das "Sich Bilden" dazu. Die neue Hauptbibliothek wurde Anfang April feierlich eröffnet.
Zeit für Neues
Die ehemalige Hauptbücherei in der Skodagasse, 1970 eröffnet, hatte mit ihren ca. 1500 m2 seit Jahren nur sehr beschränkte Präsentationsmöglichkeiten. Die Hälfte der Bücher mussten aus Platzgründen im Keller magaziniert werden und standen deshalb den Besuchern im Freihandbereich nicht zur Verfügung. Die räumliche Beengtheit erlaubte keine adäquate Erweiterung der jetzigen Bibliothek zu einer zeitgemäßen Mediathek. Gleichzeitig erhöhte sich Jahr für Jahr die Zahl der Benutzer. Der Andrang des Publikums signalisierte, dass in der Hauptbücherei der attraktivste Teil des Filialnetzes der Städtischen Büchereien gesehen wird. Handlungsbedarf war also gegeben.
Schnelle Wege zur Literatur
Der als Sieger des internationalen und EU-weiten Architekturwettbewerbs, Ernst Mayr, skizziert das Konzept der neuen Stadtbibliothek so:
Wenn man von vorne, vom Urban Loritz-Platz, hineingeht, dann kommt man in eine gemeinsame Eingangshalle von U-Bahnstation und Bibliothekseingang. Ein interessanter Ort allein deswegen, weil eine schier unglaubliche Zahl an Menschen da tagtäglich durchmarschiert, zur U-Bahn, zu den Straßenbahnstationen. Da wird Publikum für die Bibliothek geködert. Über eine Rolltreppe geht es hinauf ins zweite Obergeschoss. Man wird aus einer gemeinsamen, verkehrsreichen Halle quasi fortgesaugt und kommt im zweiten Obergeschoss heraus und taucht schon in der ersten Hallenzone in eine eigene Erlebniswelt ein.
Die Bibliothek ist in zwei Bereiche gegliedert: Ein Bereich, der sehr offen ist, mit Zeitungszone, mit Veranstaltungsbereich und Internetstation und der ungehinderten Durchgangsmöglichkeit zum Cafe am Dach. Durch systembewachte Schleusen mit Diebstahl-Kontrollen geht es in die eigentliche Bibliothek, die sich im zweiten und dritten Obergeschoss befindet. Das Ambiente ist bewusst nicht monumental gehalten, insgesamt soll die Bibliothekszone in Richtung Wohncharakter zielen.
Eine Frage des Systems
Zur guten Akustik und zum "Wohnzimmerambiente" leisten auch die Trockenbausysteme einen nicht unwesentlichen Teil. Speziell die Akustiklochdecke mit der größten Gesamtfläche von 800 m² - nur von einer Dehnungsfuge getrennt - wird höchsten gestalterischen und schalltechnischen Ansprüchen gerecht. Summa summarum wurden in der Hauptbibliothek 3800 m² Lochplattendecken verlegt. Generell lässt sich festhalten, dass sich hinter den Knauf Trockenbausystemen ein Großteil der umfangreichen Haustechnik verbirgt und zahlreiche Haustechniköffnungen von Nöten waren, um einen nachträglichen Zugang zu ermöglichen. Auf Brandschutz wurde, wie man sich anhand der zahlreich verfügbaren Medien vorstellen kann, größter Wert gelegt. So wurden beispielsweise Ständerwände mit dreifach Beplankung pro Seite und doppelt beplankten Vorsatzschalen eingesetzt. Ein Vertreter des ausführenden Trockenbauunternehmens, Pichler Trockenbau GmbH, zeigt sich von der Bibliothek begeistert und stellt zudem fest, dass dieses Projekt für alle beteiligten Firmen eine Herausforderung darstellte.
Belebung des Urban Loritz-Platzes
Städtebaulich war und ist der Urban Loritz-Platz an der Hauptverkehrsachse des Gürtels ein weitläufiger Ort mit wenig Gestaltung. Im Rahmen eines EU-Urbanprojektes wurde ein Maßnahmenkatalog zur Belebung des Platzes erstellt, um ihn als wichtigen Verkehrsknotenpunkt aufzuwerten. Gleichzeitig war die Stadtplanung gefordert, ihn auch durch andere Funktionen zu beleben. Der Bau der neuen Hauptbibliothek verfolgt die Bündelung verschiedener Ziele. Er leistet einerseits Beiträge zur Bildungsorientierung in der Stadt, andererseits erfüllt er Aufgaben in der Stadterneuerung und in der Restrukturierung urbanen Lebens.
Die größte Treppe von Wien
Mayr schlägt in die selbe Kerbe
Es hat Zeiten gegeben, da musste man sich mit solchen Gebäuden fast verstecken. Aber jetzt gibt es international eine Phase, in der sich Bibliotheken mitten in Brennpunkte oder Problemzonen von Städten setzen. Das ist in diesem Fall geschehen mit der Mittelachse, wo es bis jetzt außer den Otto-Wagner-Stationen nichts anderes gibt. Ich stehe dazu, wenn sich die Stadt einen solchen Bauplatz für eine Bibliothek aussucht, dies auch stolz zu zeigen. Das ergibt eine gewisse Monumentalität und - hoffentlich - Unverwechselbarkeit.
Vor allem die überdimensionale Treppe unterstreicht die Einzigartigkeit des Gebäudes am Gürtel. Sie stellt einen Versuch dar der Hauptbibliothek eine starke Identität zu verleihen. Mayr über dieses außergewöhnliche Gestaltungselement:
Das Entstehen der Treppen-Idee ist jetzt nicht mehr so genau nachzuvollziehen. Ich kann mich noch erinnern: Als es in der Phase der Formfindung darum ging, die entsprechenden Funktionen an diesem Bauplatz zu organisieren, vor allem die an den Gürtelmaßstab angepasste Bauhöhe zu beachten, habe ich versucht, auf das Vorhandene einzugehen.
Die größte Treppe von Wien soll als Anreiz wirken diesen künstlichen Berg zu besteigen. Am "Berggipfel" erwartet die mobilen Personen ein Cafe, dass sich auf der Bibliothek befindet, wo man im Sommer draußen sitzt. Mayr über die neue Terrasse:
Es gibt einen neuen Aussichtspunkt in Wien, 18 Meter über dem Urban Loritz-Platz, von dem man nicht nur hinten raus eine schöne Blickbeziehung hat zu Kahlenberg und Leopoldsberg, sondern auch zum Wienerberg, zu den Twin Towers und zum Wiental.
Power is knowledge
Im Rahmen der Wissensstadt Wien will die neue Hauptbibliothek vorführen, was eine optimal eingerichtete Publikumsbibliothek für die Gegenwart leisten kann. Sie soll die Lebendigkeit einer traditionsreichen Institution unter Beweis stellen, orientiert sich dabei an bekannten internationalen Vorbildern (Centre Pompidou) und kooperiert in der Vorbereitung mit anderen Großstädten (Stuttgart). Die Stadt bekommt mit der neuen Hauptbibliothek am Gürtel ein weithin sichtbares neues bildungspolitisches Symbol, das auf die Bedeutung des lebenslangen Lernens hinweist. Die neue Hauptbibliothek soll ein Ort sein, der durch seine Attraktivität besticht und in dem sich die WienerInnen wohl fühlen. Seitens der Verantwortlichen wird mit einer täglichen Besucherfrequenz von 3.400 Personen, auf die 300.000 Medien warten, gerechnet. Wer jetzt kein Bücherwurm wird, dem ist nicht mehr zu helfen.